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Die bunte Wiese
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Es war einmal eine wunderschöne Wiese, sie war so bunt, dass man sie nur die "bunte Wiese" nannte. Sie war bunt von Blumen und im Frühjahr war sie am schönsten. Da blühten die goldene Vogelmilch, das rosa-violette Wiesenschaumkraut, das dunkle Knabenkraut, die gelbe Schlüsselblume und tausend kleine Gänseblümchen und noch viel mehr.
Auf der Wiese lebte auch eine Menge kleiner Tiere: Spinnen und Heuschrecken, grosse und kleine Käfer, Raupen und Ameisen.
Dem Feldweg zu war die Wiese von einer Hecke eingezäumt. Hier wohnte eine lustige Igelfamilie, die jeden Abend auf Schneckenjagd auszog.
Auch wuchsen vier knorrige alte Apfelbäume auf der Wiese. Der Bauer, dem diese gehörte, schnitt das Gras im Sommer mit einer Sense und im Herbst schnitt er es zum zweiten mal. Seine Kinder halfen ihm, aus dem geschnittenen Gras und den Blumen Heu zu machen: Sie verteilten das Geschnittene regelmässig auf der Wiese, damit die Sonne es trockne, und am Abend rechten sie's zu grossen Haufen zusammen, damit der Tau am nächsten Morgen das Gras nicht wieder nass mache. Nach zwei bis drei Tagen waren das Gras und die Blumen duftendes Heu geworden. Es wurde auf einen Pferdewagen geladen und in die Scheune gefahren.
Im Herbst kamen Kühe auf die Wiese, um zu weiden, um das gute Gras zu fressen, und die Kinder, die die Kühe hüteten, assen von den Äpfeln, die auf den vier Apfelbäumen wuchsen. Die meisten Äpfel waren schön und glatt, manche auch etwas verhutzelt und klein, manche hatten einen kleinen Wurm in ihrem Kernhaus. Aber die Kinder assen alle sehr gerne.
Im Frühjahr hatten die Apfelbäume grosse rosafarbene Blüten und die Wiese sah wie ein grosser bunter Blumenteppich aus. Bienen und Hummeln und die gelben Zitronenfalter freuten sich über den Nektar, den sie in den vielen Blüten fanden.
Die leuchtensten Farben aber hatte die Schlüsselblume, die bei der Hecke, nahe des Feldwegs, wuchs, Sie hiess Frau Primula, hatte fette Blätter in Rosettenform angeordnet und viele, viele Blüten, die an haarigen Stengeln sassen. Frau Primula hatte kräftige Wurzeln, die weit in die Erde reichten und die auch im kältesten Winter nicht erfroren. Ja, Frau Primula war eine schöne Pflanze, und das wusste sie auch und war stolz darauf. Die netten rosagerandeten Gänseblümchen fand sie etwas gewöhnlich, von denen gab es ja so viele.  Auch war sie ein bisschen eifersüchtig auf die Gänseblümchen, die blüten das ganze Jahr über und kannten daher alle Sommer- und Herbstblumen. Frau Primula gelang es oft so lange zu blühen, dass sie noch die ersten Sommerblumen, die zarten blauen Glockenblumen, die Maasliebchen, die roten Lichtnelken treffen konnte. Sie wollte so gerne sehen und hören, was auf der grossen weiten Welt geschah, auch während der langen Zeit, in der sie schlief.
Frau Primulas bester Freund war der Marienkäfer. Er durfte sich auf ihr ausruhen. Sie wusste sehr gut, dass der kleine rote Punkt ihren Töchtern, so nannte Frau Primula ihre Bütenstengel, gut stand. Und der Käfer fand die Blütentöchter mit ihrem glockigen, duftenden Saum  so hübsch. Der Marienkäfer konnte Frau Primula viel erzählen, er konnte ja fliegen und die Wiese nebenan und den Acker gegenüber besuchen. Er konnte vom Sommer und vom Herbst erzählen, von der Apfelernte und von den Kühen. Es war nicht immer derselbe Marienkäfer, der Frau Primula besuchte. Marienkäfer werden nicht sehr alt, aber alle waren von der gleichen Familie und hiessen Coccinelida.
Eines Tages kam eine Frau aus dem Dorf. Sie führte ihre kleine Enkeltochter, die auf Besuch aus der Stadt gekommen war, an der Hand. Das kleine Mädchen war begeistert von allem, was es Neues für sie auf dem Land zu sehen gab. Und nun sollte das Kind auch die "bunte Wiese" kennen lernen.
"Oh, Grossmama, sieh hier die schöne gelbe Blume!" Das Mädchen kniete vor Frau Primula nieder. "Wie heisst sie denn?"
"Das ist eine Schlüsselblume", antwortete die Grossmutter.
"Schlüsselblume? ein merkwürdiger Name. Was schliesst man denn mit einer Schlüsselblume auf?"
"Wer weiss, vielleicht sind ihre Blüten Schlüssel zur Himmelstür."
Die Grossmutter bückte sich, brach einen Stengel mit vielen Blüten und gab ihn der Enkeltochter.
Oh, wie stolz war da Frau Primula!
"Meine Töchter schliessen die Himmelstür auf", sagte sie sich. und ihrer Tochter rief sie nach: "Blühe lange und schön und sei stolz, dass die guten Menschen dich lieben!"
Frau Primula wurde etwas hochmütig. Sie konnte nur immer daran denken, dass ihre Töchter Himmelsschlüssel waren. Sie erzählte das sofort ihrem Nachbarn, dem Knabenkraut und sprach ausführlich darüber mit ihrem Freund, dem Marienkäfer. Und sie gab sich alle Mühe immer noch grösser und schöner und kräftiger zu werden.
Ein paar Jahre vergingen. Da kam ein junger Mann auf dem Feldweg entlang, der führte ein junges Mädchen an der Hand.
"Hier", sagte das Mädchen, "hier ist die "bunte Wiese", und schau her, da steht die Schlüsselblume, hier am Wegrand. Von ihr sagte meine Grossmutter ihre Blüten schliessen vielleicht die Himmelstür auf". Der junge Mann bückte sich und brach einen Blütenstengel."Vielleicht schliessen diese Blüten auch Herzen auf, wer weiss." Er steckte die Blüte seiner Freundin ins Haar.
Frau Primula aber rief ihrer Tochter zu:
"Blühe lange und schön und sei stolz, dass die guten Menschen Dich lieben. Und versuche ihre Herzen aufzuschliessen!
Und Frau Primula war sehr glücklich.
Aber dieser Tag, an dem Frau Primula so glücklich war, war der letzte glückliche Tag der "bunten Wiese".
Am nächsten Tag kamen Männer mit lauten, hässlichen Werkzeugen, mit denen sie die alte, gute Hecke ausrissen und die Erde, da wo die Hecke gewachsen war, einebneten. Frau Primula dachte an die Igelfamilie, die nun keine Wohnung mehr hatte. Auch hatte sie angst vor den schweren Schuhen der Männer. Aber sie wurde nicht verletzt.
Am folgenden Tag rollte eine schwarze Maschine zum Feldweg, an dem die Wiese lag. Die Maschine rollte langsam den Weg entlang und übergoss ihn mit einer heissen, schwarzen, stinkenden Masse. Frau Primula wurde es übel von der Hitze und dem schlechten Geruch. Sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete lagen auf dem Feldweg keine bunten Steinchen mehr, keine Käfer und Ameisen krabbelten dort, und keine Blume, kein Grasbüschel standen mehr da. Alles war einförmig schwarz. Und die Gänseblümchen, die Frau Primula "gewöhnlich"nannte, die sich zu weit aus der Wiese auf den Weg gewagt hatten, lagen schwarz und tot.
Frau Primula vergass ihren Hochmut und wandte sich zu ihrem Nachbarn, dem Knabenkraut.
"Schrecklich, entsetzlich", sagte sie. Aber das Knabenkraut war so schwach, dass es gar nicht antworten konnte.
Da kam der Marienkäfer angeflogen und setzte sich auf ein Blatt von Frau Primula.
"Sehen Sie", sagte diese, "die armen, armen Gänseblümchen!" Und die armen, armen Ameisen", sagte der Käfer. "Auch Raupen, Spinnen und Käfer wurden hier, vor uns, begraben. Nicht zu fassen! Vielleicht sind unter den Verunglückten auch ein paar von meiner Familie. Wir gehen traurigen Zeiten entgegen, glauben Sie mir, liebe Freundin." Und langsam flog der Marienkäfer fort.
Sobald der hässliche schwarze Weg abgekühlt und trocken  und hart war, kam eine andere Maschine. Die war nicht ganz so hässlich wie die Teermaschine, aber sie blieb nicht auf dem Weg. Nein, sie fuhr mitten auf die "bunte Wiese" und fuhr und fuhr in allen Richtungen, kreuz und quer. Dabei liess sie ein helles, beissendes, giftiges Pulver auf die arme Wiese regnen. Das Pulver stäubte in alle Ecken, in jeden Schlupfwinkel. Frau Primulas dunkelgrüne Blätter waren mit dem hellen Pulver bestäubt. Das tat nicht weh, aber sie hoffte doch, dass der Regen die bald wieder rein waschen würde. Das tat der nächste Regen auch, Frau Primulas Blätter waren wieder grün und ihre Blütentöchter leuchteten gelb. Aber die Arme fühlte sich gar nicht wohl. Sie sah zu ihrem Nachbarn hinüber, dem Knabenkraut. Das liess den Kopf hängen und sah recht krank aus. Es war ja von jeher nicht so kräftig, wie Frau Primula, gewesen.
Von nun an kam die Maschine immer wieder und liess böses Pulver auf die Wiese regnen. Dann kam die Mähmaschine mit ihren scharfen Messern und eine Maschine, die  die Apfelbäume mit einer giftigen Flüssigkeit spritzte.
Der Marienkäfer flog an und setzte sich auf Frau Primula.
"Liebe Freundin, ich muss Abschied nehmen. Ich hörte, unsere "bunte Wiese" soll eine Nutzwiese werden. Hier kann ich nicht länger bleiben. Das böse Pulver und der giftige Maschinenregen haben alle Blattläuse getötet. Von was soll ich leben? Ich kann doch nur Blattläuse essen. Vielleicht finde ich eine andere, gesündere Wiese, wo es genug Futter für mich gibt.
"Sie Glücklicher!" sagte Frau Primula, "Sie können fliegen. Ich würde auch so gerne fort von hier. Mir scheint, unsere "bunte Wiese" ist nicht mehr so bunt wie frühr. Mein Nachbar, das Knabenkraut, sieht totkrank aus. Und sehen Sie sich meine Blätter an! Ganz zerfressen sind sie. Wir haben eine furchtbare Schneckenplage, seitdem die Igelfamilie weggezogen ist. Jeden Abend  werden ein paar von meinen armen Blättern von den unverschämten Schnecken angefressen. Wie sagten Sie? Nutzwiese? Wem soll das nützen? Ein totes Knabenkraut und eine Schlüsselblume mit angefressenen Blättern. Besuchen Sie mich trotzdem ab und zu. Vielleicht wird alles wieder gut, vielleicht werden wir Blumen wieder gesund, und Sie, lieber Freund, finden wieder Blattläuse."
"Ja, vielleicht", sagte der Marienkäfer. Aber er kannte die Welt und glaubte an kein Wunder.
Frau Primula lebte weiter mit ihren Töchtern. Es kamen Menschen und freuten sich an den Schlüsselblumen und fanden sie "prachtvoll " und "kräftig".
"Ach", dachte Frau Primula, "hättet ihr meine Töchter vor dem Giftregen gekannt! ja, da waren sie prachtvoll und kräftig, aber nun! Arme, müde Blüten sind  meine Töchter geworden und so klein und blass!"
Und nie mehr rief Frau Primula ihren Töchtern , die gepflückt wurden nach: "seid stolz, dass die guten Menschen euch lieben¨"
Eines Tages bekam Frau Primula Besuch von einem winzig kleinen Marienkäfer. Der setzte sich auf ein Blatt und sagte:
"Mein Grossvater hat mir von Ihnen und der "bunten Wiese" erzählt. Bunt ist die Wiese ja nicht mehr, aber Sie habe ich gleich gefunden. Wie krank die armen Blumen hier aussehen, aber bei uns ist es auch nicht viel besser, nur Gras wächst noch auf den Wiesen."
"Oh, lieber Herr Coccinelida, erzählen Sie mir von der weiten Welt, bitte!"
"Es sieht überall gleich traurig aus, die Käfer sterben, die Schmetterlinge sterben, die Wiesen sind fett und grün, aber nicht mehr bunt, denn es gibt keine Wiesenblumen mehr und die Bienen und Hummeln finden keinen Nektar. Ich werde versuchen mit meinen kleinen Flügeln weiterzufliegen. Hier im Land ist keine einzige Blattlaus mehr zu finden. Leben Sie wohl, Frau Primula. Versuchen Sie auszuhalten bis bessere Zeiten kommen."
Frau Primula sah, wie das kleine rote Pünktchen über den Teerweg flog, um eine neue Heimat zu finden.
Nein, Frau Primula konnte nicht auswandern, aber aushalten wollte sie, trotz ihrer kranken, zerfressenen Blätter, aushalten so lange wie möglich. Sie wollte nicht glauben, dass alle Menschen nun mit Teer und Gift die bunten Blumen und die Schmetterlinge und die Käfer töten wollten, und die Äpfel vergiften. Sie hatte doch so liebe und gute Menschen kennen gelernt, die ihre Töchter gepflückt hatten und mit ihnen die Himmelstür und die Herzen aufschliessen wollten.
Viele Jahre vergingen. Es wurde wieder einmal Frühling und Frau Primula lebte noch. Oh, es ging ihr gar nicht gut. Ihre Blätter waren klein und grau und zerfressen, und an einem schwachen Stengel sassen zwei kleine blasse Blüten. Frau Primula war zu schwach, um sich umzusehen, sie sah nur ihre nächste Umgebung: alles war grün, nur ein paar Gänseblümchen blühten da und dort. Waren denn alle anderen Blumen gestorben? so wie das arme Knabenkraut?
Frau Primula hing, wie so oft nun, trüben Gedanken nach, als sie plötzlich aufschrak. Ein kleiner Junge kniete vor ihr und rief: "Mama, Mama, eine kleine gelbe Blume! Darf ich sie pflücken?*
"Das ist doch meine liebe Schlüsselblume, unser Himmelsschlüssel!" rief die Mutter. "Meine Grossmutter hat mir ihren Namen genannt, und Papa hat mir einen Blütenstengeln gebrochen. Nein, mein Kind, die letzte Schlüsselblume, die pflücken wir nicht. Aber du weisst ja, Papa hat die Wiese gekauft und wir werden sie wieder gesund machen, wir werden sie so wachsen lassen wie sie früher war und sie soll wieder bunt und fröhlich werden. Und dann darfst du jedes Frühjahr dicke goldgelbe Schlüsselblumen pflücken. Und im Herbst darfst du die Äpfel von unsern Apfelbäumen essen. Du wirst sehen, wir werden viele Schmetterlinge und Käfer und Bienen und Hummeln haben, auch Marienkäfer, die eigentlich Glückskäfer heissen. Die sollen uns und auch unserer Wiese, Glück bringen."
Ein Jahr später sah Frau Primula stolz auf ihre kräftigen, leuchtenden Blütentöchter. Da kam ein grosser Marienkäfer, setzte sich auf eine Blüte und sagte;
"Wie gut, liebe Freundin, dass Sie ausgehalten haben in der schrecklichen Zeit. Wie gut, dass meine Familie ausgewandert ist und überleben konnte. Und was für ein Glück für uns alle, dass es noch gute Menschen gibt, die uns alle wieder gesund machen."
Und der Marien-Glückskäfer flog fröhlich über die "bunte Wiese".


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