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Margit hatte zwei Puppen, ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen hiess Ina, der Junge hiess Peter. Beide hatten blonde Haare, blaue Augen, rote Backen und sahen einander sehr ähnlich, wie sich Geschwister eben ähnlich sehen. Beide hatten einen Kopf aus Plastik aber keinen glatten, kalten Plastikkörper, sondern einen warmen, weichen, rosa Stoffleib, der mit Hirse gefüllt war. Sagt nicht, solche Puppen seien altmodisch, nein, sie sind besonders geeignet zum Liebhaben, und Margit liebte ihre beiden Puppen sehr. Papa aber sagte sie dürfe dieses Jahr nur eine Puppe, Ina oder Peter, mit in die grossen Ferien nehmen, denn die ganze Familie flog mit dem Flugzeug nach Spanien, und dabei darf man nicht zu viel Gepäck haben.
Margit lag also am Abend vor der Abreise im Bett und weinte, weil sie beide Puppen mitnehmen wollte. Als sie um 10 Uhr immer noch weinte, sagte der Papa: "Wenn du nicht sofort still bist, darfst du überhaupt keine Puppe mitnehmen!"
Margit weinte noch mehr, sie heulte und schrie sogar; daher mussten am anderen Morgen Ina und Peter in der verdunkelten, verlassenen Wohnung allein zurückbleiben. Sie sassen traurig in der Spielecke am Boden.
"Oh, wie langweilig hier eingesperrt zu sein", sagte Ina zu Peter, "aber es geschieht dir gerade recht, dass du auch zu Hause bleiben musst."
"Uns dir, dir tut es auch gut, einmal eingesperrt zu sein ", antwortete Peter. So stritten sich die beiden Puppen eine Weile und trösteten sich ein bisschen mit ihrer Schadenfreude. Aber man kann nicht lange nur schadenfroh sein. Peter war vernünftig: "Ach, streiten wir uns nicht, ich glaube, wir haben beide einfach Langeweile. Niemand ist hier, gar niemand, und nichts bewegt sich in der ganzen Wohnung. Sogar die Fensterläden sind geschlossen, sonst könnten wir wenigstens die Sonne sehen". "Und die Sonne könnte uns sehen!" rief Ina. Sie wusste nicht, dass sich die Sonne noch nie für Puppen interessiert hat.
"Oh, oh, Peter, eine Spinne! Endlich ist jemand hier!"
Eine kleine, graue Spinne lief eilig mit ihren acht langen Spinnenbeinen über den Fussboden.
"Komm`doch, komm`, Spinne, kleine Spinne", flüsterten die zwei Puppenkinder. Aber eine Spinne versteht die Puppensprache nicht, nicht einmal die Menschensprache versteht sie, und daher rannte die kleine Spinne weiter, ohne sich umzusehen und verschwand unter Margits Kleiderschrank.
"Ach, nun sind wir schon wieder allein, nicht einmal die Spinne will bei uns bleiben. Gar niemand ist mehr im Haus, ausser uns. Sogar Mimi, die Katze haben sie fortgebracht! Ja, die Katze, wenn die wenigstens hier wäre!"
Aber plötzlich raschelte es unterm Kleiderschrank. Die Spinne? Nein! Ein rosa Schnäuzchen und zwei schwarze Perlenaugen kamen zum Vorschein. Die Äuglein sahen die Puppen misstrauisch an, aber als diese sich nicht bewegten, kam das ganze Mäuschen unterm Kleiderschrank hervor: eine kleine, graue Maus mit rosa Schwanz und rosa Ohren. Sie sah sich im Zimmer um und verschwand - husch - unterm Schrank. "Oh, wie schade!" riefen Ina und Peter, "so eine hübsche Maus, warum ist sie denn nicht bei uns geblieben? Maus, Mäuschen, komm, wir tun dir nichts!"
Und da kam das Mäuschen auch schon wieder, gefolgt von sieben winzigkleinen Mauskindern, alle grau mit schwarzen Augen, rosa Öhrchen und rosa Schwänzchen.
Ina und Peter verstanden die Mäusesprache nicht, aber sie konnten sehen, dass Mama Maus ihre Kinder in alle Ecken des Zimmers schickte, um etwas zu essen zu suchen. Die Mäuschen huschten auseinander, sie suchten und suchten, aber vergeblich! Warum nur hatte Margits Mama vor der Abreise die Wohnung so gründlich putzen lassen? In allen Ecken, unterm Tisch, überall war saubergemacht, Staub gesaugt, gewichst und geschrubbt worden. Nein, die Mäuschen fanden hier nichts zu essen, kein Brosämchen. "Sicher verschwinden sie nun bald wieder unterm Schrank und für immer! Ihr lieben, lieben Mäuschen, so bleibt doch hier!"
Da, als Mama Maus ihre Kinder schon zum Abmarsch zusammenrief, kam ein kleiner Mausebub in die Spielecke, ganz nahe zu den Puppen. Er besah sie sich genau, noch genauer, besonders Ina untersuchte er. Die war vor kurzem im Garten gefallen und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Aus der unverbundenen Wunde rieselte Hirse. Plötzlich schlug der Mäusebub Alarm, alle sechs Mäusegeschwister und die Mausemama liefen herbei, und nun assen sich die acht Mäuschen - niam - niam - niam - an Inas Hirse satt. Dann verschwanden sie - husch - unterm Kleiderschrank.
Ina war sehr bleich und viel dünner geworden. Sie sank hintenüber und schloss die Augen.
"Arme Ina", sagte Peter, "aber nett und unterhaltend waren die Mäuslein doch!
Ina sagte nichts. Sie schlief vor Erschöpfung. Der grosse Hirseverlust hatte sie sehr geschwächt.
Auch Peter schlief ein und träumte von Mäusen.
Aber am nächsten Abend raschelte es wieder unterm Kleiderschrank. Die Mausemama und ihre Kinder kamen hervor, liefen schnurstracks zu Inas Bein, frassen sich - niam - niam - niam - voll und satt und rannten zurück untern Schrank.
Ina war so schwach, dass sie kaum noch sprechen konnte.
Doch die unersättlichen Mäuschen kamen nun jeden Abend, frassen von Inas Hirse und waren gar nicht mehr ängstlich. Sie tanzten im Zimmer herum, rannten hin und her und rauften sich. Peter amüsierte sich köstlich, wobei er aber doch Inas wegen ein schlechtes Gewissen hatte.
Nach einer Woche war Ina leer. Ganz leer, dünn und tot lag der arme Puppenkörper da. Nur der Kopf war noch ebenso schön, wie zuvor, und daran konnte man gleich sehen, dass Puppen nicht so rasch sterben, und sehr widerstandsfähig von Natur sind.
Als nun nach einer Woche bei Ina nichts mehr zu holen war, biss die Mäusemutter rasch entschlossen in Peters linkes Bein. "Au!" schrie er, aber schon labten sich acht Mäuse - niam - niam - niam - an der herausrieselnden Hirse.
An diesem Abend musste sich Peter auch legen und die Augen schliessen.
Sechsmal noch kamen die kleinen Mäuse, bis sie den Puppenbub ganz leergefressen hatten.
Dann waren endlich die Ferien vorbei. Margit, ihre Eltern und Mimi, die Katze, kamen zurück,
Margit war während der zwei Wochen in Spanien sehr vernünftig geworden. Sie weinte nicht, als sie ihre so schwer kranken Puppenkinder sah. Sie nahm Ina und Peter auf den Arm, ging zu Papa und bat ihn um Hilfe. Der brachte die zwei Kranken, noch bevor die Koffer ausgepackt waren, in die Puppenklinik. Dort wurden sie mit Hirse aufgefüllt und noch am selben Abend als geheilt entlassen.
Margit brachte ihre Kinder zu Bett und schlüpfte dann selber, müde von der Reise, zu ihnen unter die Decke. Sie schlief sofort ein.
Ina aber und Peter konnten noch nicht schlafen. Sie dachten an die Mäuse und sahen ängstlich zum Kleiderschrank.
Als alles ruhig war im Haus, hörten sie ganz deutlich Rascheln unterm Schrank, und schon schossen die acht Mäuse ins Zimmer. Sie fühlten sich hier sicher. Ina und Peter stockte der Atem vor Angst. Können Mäuse klettern?? Können sie in Margits Bett steigen?? Wollten sie wieder anfangen sie anzuknabbern und sich an ihnen sattzufressen??
Aber sie hatten nicht an die gute Mimi gedacht. Zur Feier der Heimkehr hatte ihr Körbchen für die Nacht in Margits Zimmer bleiben dürfen. Beim ersten Laut sprang die gute Katze mit einem Satz mitten zwischen die Eindringlinge. Da huschte Mama Maus mitsamt ihren nun schon erwachsenen Kindern untern Schrank zurück, und alle verschwanden auf Nimmerwiedersehen..
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