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Eine Weihnachtsgeschichte
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Eine Weihnachtsgeschichte
"Und es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde" - So steht es in der Bibel. Aber die folgende Geschichte steht nicht dort:
Ja, es waren Hirten auf dem Felde, viele Hirten und viele Hirtinnen, Grosseltern, Eltern und eine ganze Schar Kinder. Die Hirten waren sehr arm, aber sie hatten sich gegenseitig herzlich lieb und so spürten sie ihre Armut kaum und waren zufrieden.
Eines Nachts, als die Hirten bei ihrer Herde schliefen, draussen, auf dem Feld, wurden sie alle aufgeweckt, sie wussten nicht recht von wem, von was. Der Himmel war hell, ganz hell, wie bei Tag, und die Hirten und Hirtinnen redeten alle auf einmal und durcheinander:
"Im Stall zu Bethlehem, dort ist ein Kindlein geboren, kein gewöhnliches Hirtenkindlein, nein, ein kleiner König, ein Königskind. Kommt, wir wollen alle dort hingehen und die Königsfamilie sehen. Ein grosser, heller Stern zeigt uns den Weg. Nehmt Geschenke für das Königskind mit, ein Lamm, einen Topf mit Honig, glänzende Kieselsteine, das Schönste, was ihr habt. Schnell, schnell, beeilt euch!"
Und alle Hirten und Hirtinnen, gross und klein, machten sich auf den Weg und liefen dem grossen, hellen Stern zu.
Unter den Hirten war auch ein Kind, ein lieber, hübscher Junge. Gabriel hiess er. Er war noch klein, hatte grosse schwarze Augen und ganz dunkles Lockenhaar. Aber der kleine Gabriel konnte nicht mit den andern Jungen laufen und klettern und springen. Sein rechtes Bein war ein ganzes Stück kürzer, als sein linkes und daher hinkte Gabriel. Er hatte auch oft weh in seinem kranken Bein. Er konnte nicht mit den Andern Schafe hüten. Trotzdem hatten ihn alle lieb und niemand tat ihm etwas zu leid.
Als nun die ganze grosse Hirtenfamilie auf dem Weg zu dem  grosses, hellen Stern war, hinkte der kleine Gabriel hinterher, so schnell er konnte. "Wartet doch, bitte wartet! Ich kann nicht so schnell laufen, wie ihr!"
"Aber Gabriel, heute kannst du nicht mitkommen, heute dürfen wir keine Zeit verlieren. Du hast ja auch kein Geschenk für das Königskind. Schlaf du nur ruhig weiter, wir erzählen dir morgen alles ganz genau, alles, was wir sehen und hören."
Gabriel humpelte langsam zu seinem Lager zurück, legte sich auf das Fell, das sein Bettchen war, freute sich auf das Erzählen von allem, was es zu sehen und zu hören gab, steckte seinen Daumen in den Mund und war schon eingeschlafen.
Aber nach ein paar Stunden weckten ihn seine Brüder und Freunde, die vom Besuch beim Königskind zurückkamen, auf. Laut riefen sie sich zu:
"Wie schön war die junge Mutter, wie gut der Vater. Wie brav waren der Ochs und der Esel im Stall zu Bethlehem. Wie herrlich war die Musik, die man hörte, wie hell und glänzend war der Stern. Und wie strahlte das Königskind.
Gabriel hörte gut zu, er konnte nicht genug von all dem Wunderbaren hören. Doch nach und nach legten sich die Hirten auf ihre Felle und schliefen  glücklich ein.
Alle schliefen, nur nicht der kleine Gabriel. Er musste an all das, was er gehört hatte, denken. Jeder war dort gewesen, unter dem grossen, hellen Stern, alle waren sie so glücklich zurückgekommen.
Leise stand der Junge auf und schlich sich aus dem Lager. Er hinkte dem grossen, hellen Stern zu, langsam, langsam, aber er wollte doch auch etwas von dem Wunderbaren sehen, nur von Ferne. Er hatte ja kein Geschenk, so konnte er doch nicht zu dem kleinen Königskind kommen.
Gabriels rechtes Bein tat weh, aber schliesslich stand er doch vor dem Stall, über dem der  grosse, helle Stern strahlt. Doch jetzt war Gabriel enttäuscht: alles war dunkel, nur der Stern leuchtete. Keine Musik, nichts regte sich.
Gabriel schlich zur Tür, die offen stand und da sah er:
eine schöne, junge Frau, die schlief,
er sah einen Mann mit einem dichten Bart, der schlief,
er sah einen braunen, grossen Ochsen, der schlief,
er sah ein graues Eselein, das schlief.
Und in einer Krippe auf Stroh und Heu lag ein ganz kleines Kindlein, das schlief nicht, nein, ganz und gar nicht., sondern es strampelte mit den Beinchen, schlug mit den Ärmchen um sich und weinte, weinte, weinte. So viele waren hier gewesen und hatten das Jesuskind bewundert, besungen, beschenkt. Und nun war das Kindlein ganz alleine, alle schliefen und keiner kümmerte sich um den Kleinen. Der weinte und weinte und war so unglücklich.
Gabriel war auch unglücklich, als er das sah. "Das arme, kleine Kind", sagte er, "das arme kleine Kind! Ich habe zwar kein Geschenk für dich, mein kleiner Freund, aber vielleicht kann ich dir helfen.
Und leise hinkte Gabriel zur Krippe, sachte haschte er nach der kleinen Hand, die durch die Luft schlug. Er nahm die Hand, nahm den Daumen und steckte ihn in den offenen, weinenden Mund des Jesuskindleins. Das Kind spürte seinen Daumen im Mund, fing an zu lutschen , war ruhig und schien so froh zu sein, nicht mehr weinen zu müssen. Der Kleine schaute Gabriel ins Gesicht und - war eingeschlafen.
Nun war es ganz, ganz still in dem Stall zu Bethlehem unter dem grossen, hellen Stern.
Gabriel hinkte zurück zu seiner Familie. Er fühlte sich so glücklich, wie noch nie in seinem Leben und es kam ihm vor, als ob er den Rückweg in ganz kurzer Zeit gemacht hätte. Auch tat ihm sein rechtes Bein gar nimmer weh.
Im Lager legte sich Gabriel zwischen seine Brüder und Freunde auf sein Fell, nahm den Daumen in den Mund - Aber "nein, nein", sagte er sich, den Daumen brauch ich jetzt nicht mehr, um einzuschlafen, ich bin kein kleiner Daumenlutscher mehr, ich bin ein grosser Junge, den das kleine Jesuskindlein angelächelt hat."


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