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Texte zum Lesen | ||||||||||||||||
| Gisela home > 9 weitere Geschichten > Flora | ||||||||||||||||
FloraFlora war müde, müde, müde. Sie hatte ein kleines Schläfchen wohl verdient.Flora war eine Hündin, eine grosse, schöne, gepflegte und sehr geliebte Hündin. Sie hatte vor neun Wochen zum ersten Mal geworfen, drei gesunde, kräftige Hundebabys hatte sie zur Welt gebracht. Dimiti, ihr junges Herrchen und seine Eltern hatte Flora bewundert, beglückwünscht zu diesem Ereignis, und seither kamen fast jeden Tag Freunde und bestaunten die schöne Hundemama und ihre lustigen Jungen. Flora war so recht der Mittelpunkt ihrer Familie. Sie genoss diese Auszeichnung, aber doch war das alles auch sehr ermüdend: Keine ruhige Minute, dauernd bewundert und bestaunt werden, und dann die drei wilden Welpen, die Hundebabys. Die tollten um die Mama herum, wollten mit ihr spielen, liessen sie nicht schlafen. Aber jetzt, am frühen Nachmittag, war Dimitri in der Schule, die Eltern waren auch nicht zu Hause, und die drei kleinen Hunde schliefen nach ihrem Mittagsmahl in ihrer eingezäunten Gartenecke. Flora trottete müde und langsam zu dem entferntesten Fleck des Gartens, suchte sich ein schattiges Plätzchen, drehte sich ein paar Mal um sich selbst, liess sich dann befriedigt ins Gras fallen und schlief sofort ein. Gerade jetzt wachten die Welpen auf, zuerst Ponche, dann Puschka und Pinta. Alle Drei waren, wie das bei Welpen so ist, sofort hellwach. Sie kugelten übereinander, durcheinander, rannten im Kreis herum, tranken ein bisschen Wasser und freuten sich ihres Lebens. Aber wo war wohl die Mama? Poncho schaute über die niedrige Tür, die ihre Welpenecke abschloss. Er stand auf seinen Hinterbeinen, die Vorderpfoten auf die niedrige Tür gestützt und drehte seinen grossen, runden Kopf nach rechts, nach links. Nirgends war die Mama zu sehen, nirgends waren Dimitri und seine Freunde zu erblicken. Hopp - sprang Puschka neben Poncho, stellte sich auf die Hinterbeine, stützte die Vorderpfoten auf die Tür und sah nach rechts - nach links. Und dann kam - hopp - Pinta und machte es den Geschwistern nach, drehte den Kopf nach rechts - nach links. Nichts, immer noch nichts zu sehen. Die drei kleinen Hund streckten sich und reckten sich, um besser sehen zu können, noch ein bisschen höher, noch ein bisschen höher. Und - plumps - machte Poncho einen Purzelbaum über die niedrige Tür weg und lag im Gras. Plumps - plumps - folgten ihm Puschka und Pinta. Ein bisschen verdattert rappelten sich die drei Welpen auf, sahen sich erstaunt um in der grossen Freiheit: der ganze weite Garten lag vor ihnen, keine Einzäunung mehr. Sie konnten rennen, jagen laufen wohin sie wollten. So gross war die Welt, so zaunlos! Übermütig rannte Poncho voran, gefolgt von seinen Schwestern. Er rannte auf seinen strammen, aber noch nicht ganz sicheren Beinen ums Haus. Alles war neu, alles war noch nie gesehen. Die schmiedeeiserne Gartentür stand offen, dahinter fing eine neue, noch grössere Welt an. Das Haus lag an einem kleinen, kaum befahrenen Weg. Niemand, kein Mensch, kein Hund, keine Katze, kein Auto war auf diesem Weg zu sehen. Die grosse WQelt war leer und unbegrenzt. Poncho rannte mit seinen Schwestern los, immer weiter, immer weiter in die grosse Welt und unbegrenzte Freiheit hinein. Es war herrlich! Aber nach ein paar Minuten begann sich das Glüch über diese freiheit zu verdüstern: ein leises, unheimliches Geräusch störte die empfindlichen Ohren der Welpen, und ein leichter, übler Geruch stieg in ihre feinen Nasen. Nun wäre es natürlich das einzig Kluge gewesen, kehrt zu machen, umzudrehen und nachhause zu laufen. Aber wollte Poncho seinen Mut beweisen? Wollte er auch die gefährliche Seite der Welt kennen lernen? Hatte er vergessen, dass man zuhause bei Mama und Dimitri immer sicher war? Ich weiss es nicht! Jedenfalls liefen alle drei Hündchen, etwas verschreckt, aber tapfer, immer geradeaus. Der kleine, ruhige Weg, an dem das Haus lag, mündete in eine grosse Verkehrsstrasse. Auf der fuhren Lastwagen, hupten Autos, schossen Motorräder vorbei. Und in diesem Höllenlärm endete der lustige Ausflug der drei kleinen Geschwister. Poncho war nicht mehr der grosse, mutige Bruder, der Held. Er zitterte am ganzen Körper, wie seine Schwestern, kniff das Schwänzchen ein und hatte nur einen Gedanken: fort, fort, fort von diesem Höllenlärm, fort, fort, fort von diesem grässlichen Benzingeruch. Poncho, Puschka und Pinta rannten noch eine kleine Strecke durch diese Hölle, dann tat sich ihnen eine himmelstür auf, die in Wirklichkeit nut ein grosses Hartentor war. Durch das jagten die Hunde, rannten noch eine gute Weile. Der Lärm nahm ab, es roch nicht mehr so schrecklich. Die Drei liefen langsamer, langsamer, blieben stehen, hörten ihre Herzen pochen, sahen sich verstört an und liessen sich - pluff - pluff - pluff - ins Gras fallen. Sie verschnauften ein bisschen, rollten sich zusammen und schliefen nach diesem schlimmen Abenteuer ein. Sie hatten sich ihren Rastplatz nicht ausgesucht, und doch war es ein wunderschöner Platz unter einem alten, mächtigen Kastanienbaum. Schlaft nur schön, ihr tapferen Kleinen. Ihr habt eine Hundemama und eine Menschenfamilie, die euch lieben und die euch sicher suchen und finden werden. Alles wird gut enden! Flora hatte gut geschlafen. Sie fühlte sich stark und frisch. Sie stand auf, dehnte ihre Glieder, schüttelte den grossen Kopf, um die letzte Müdigkeit zu vertreiben und trottete der Welpenecke zu. "Die Kleinen müssen nun sicher wach sein", dachte sie. Ruhig und elegant sprang Flora über die niedrige Gartentür, die zur Welpenecke führte. Hier roch es gut und intensif nach den drei Kleinen. Der Napf voll frischen Wassers stand an einem schattigen Platz, Flora stillte ihren Durst und rief dann leise nach den Jungen. Nichts! nichts rührte sich. Flora bellte lauter, suchte ihre Welpen, suchte noch einmal, bellte noch einmal. Aber nichts war zu hören, keine Antwort. Nichts war zu sehen, keine Hundekinder. Flora sprang wieder elegant und leicht über die kleine Gartenpforte. Ihre Nase am Boden sagte ihr, dass Poncho, Puschka und Pinta ausgerissen waren. So gut konnte Flora riechen, dass sie - die Nase immer am Boden - dem Weg, den die Ausreisser genommen hatten, leicht folgen konnte. Flora kannte den ruhigen Weg, an dem das Haus lag, sehr gut. Sie kannte aber auch die schreckliche, grosse, gefährliche Verkehrsstrasse, in die der Weg mündete. Nie war sie dort alleine gewesen. Sie war immer an der Leine und beschützt von einem Menschen zu dieser schrecklichen Strasse gekommen. Nun rannte sie alleine, der Spur ihrer Jungen folgend, dieser Höllenstrasse zu. Sie hatte Angst um ihre Jungen, sie hatte Angst vor dem Lärm, vor den Lastwagen, den Autos, den Motorrädern, sie hatte Angst vor dem schrecklichen Benzin- und Ölgeruch. Flora hatte Angst, Angst, Angst, und am Ende wusste sie kaum mehr wovor und warum sie so grosse Angst hatte. Sie rannte mit eingekniffenem Schwanz, und in ihrer Seele, in ihrem Kopf, in ihrem ganzen Körper war nur Angst, Angst, Angst. Sie rannte, rannte, rannte und hatte kaum bemerkt, dass sie in eine kleine Nebenstrasse eingebogen war, dass der Lärm leiser wurde. Denn die Angst war immer noch übermächtig. Flora lief weiter. Da, da hörte sie etwas Neues, etwas anderes, als den Verkehrslärm. Nahe vor Flora balgten sich drei Jungen, es war ein Knäuel von Jungen, die schrieen, heulten, brüllten. Eigentlich war Flora solches Schreien, Heulen, Brüllen von Jungen wohlbekannt. In diese Art Kämpfe im Garten zuhause hatte sie sich nie eingemischt. Sie war eine friedliche Hündin, immer freundlich und wich jedesmal, wenn sich Dimitri mit Freunden balgte, aus. Aber jetzt fühlte Flora immer noch ihre grosse Angst, und diese Angst liess sie in den Knäuel von kleinen Menschen fahren, bellen, zuschnappen, wütend sein. Ein T-Shirt wurde zerfetzt, eine Hose zerrissen, und zwei zu Tode erschrockene Jungen rannten heulend davon. Flora war ganz plötzlich ruhig geworden. Sie verstand nicht, was sie getan hatte, sie wusste nicht mehr, was Schreckliches passiert war. Sie wusste nur noch, dass sie Hilfe brauchte, Hilfe von jemand, der alles wieder in Ordnung brachte, der sie wieder zu ihren Jungen und zu Dimitri in den grossen Garten zurückbrachte. Sie heulte laut auf. Das war ein Hilferuf. Und da schlangen sich zwei Arme um ihren Hals, drückte sich ein tränennasses Jungengesicht an ihre Stirn. "Hund, Hund, du hast mich gerettet, Hund, Hund, die Zwei haben mich verprügelt, ich weiss nicht warum, ich hab' ihnen gar nichts getan. Hund, Hund, du musst immer bei mir bleiben, komm' mit mir, Hund, komm' mit mir nachhause." Der Junge, der so redete, zog einen Bindfaden aus seiner Hosentasche, band Flora daran, schluchzte noch ein bisschen und stolperte dann mit Flora davon. So kam Flora bald wieder an die grosse Verkehrsstrasse, aber mit ihrem neuen Beschützer, der zielbewusst durch diesen Höllenlärm stapfte, hatte die Hündin keine Angst mehr. Sie folgte ihm, wusste, dass der kleine Mensch sie schütze, und der kleine Mensch war sicher, dass der Hund ihn schütze. So kamen die Zwei zuhause, bei Michael, so hiess der kleine Junge, an. Die Eltern sassen im Garten und tranken Kaffee. "Hallo!" sagte die Mutter, "Michael, wie siehst du denn aus? Zerschunden und schmutzig. Was ist denn passiert?" "Hallo!" sagte der Vater, "wem gehört denn der Hund, den du da mitbringst?" "Zwei grosse Jungen haben mich angegriffen und geschlagen. Dann kam mein Hund und hat mich gerettet. Der Hund gehört jetzt mir." "Na, na", sagte der Vater, "schau, dein Hund hat eine Medaille an seinem Halsband. Darauf steht sicher sein Name und die Adresse seiner Besitzer. Ja, Flora heisst dein Hund, und somit ist sie eine Hündin. Und hier steht eine Telefonnummer. Da müssen wir gleich anrufen." Michael weinte, schluchzte, warf sich der Mama in die Arme. "Es ist mein Hund. Er soll bei mir bleiben. Er liebt mich. Ich will ihn behalten" Kaum zehn Minuten später kam Dimitri mit seinen Eltern. "Flora, Flora!" rief Dimitri. Und Flora, als sie die Stimme ihres Herrchens hörte, jagte Dimitri entgegen, gebärdete sich wie toll, sprang an ihm hoch, bellte vor Wiedersehensfreude. Sie raste durch den fremden Garten, zog Kreise, immer grössere Kreise, konnte sich nicht beruhigen vor Glück und Freude. Und plötzlich, plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen, war still, bellte nicht mehr. Denn da purzelten drei kleine Hundchen durchs Gras. Poncho, Puschka und Pinta, die unterm Kastanienbaum geschlafen hatten, waren von der Stimme ihrer Mama aufgeweckt worden. Für sie war es ganz natürlich, dass Mutter, Dimitri und seine Eltern hier waren. Sie jagten auf ihren noch ein wenig unsicheren Beinchen um die Mutter, die Mutter bellte vor Glück und Dimitri kniete mit ausgebreiteten Armen und lachend mitten in der Schar. "Ende gut - alles gut!" sagte Dimitris Vater. Er wandte sich zu Michael Eltern: "Wir danken Ihnen sehr herzlich. Wir hatten uns schon grosse Sorgen um die Hunde gemacht. Danke, dass Sie sofort angerufen haben. Wir würden uns freuen, Sie in den nächsten Tagen bei uns zu sehen." "Aber wo ist denn Michael? Er hat Flora doch gefunden?" "Michael! Michael!" Dimitri fand den Jungen schluchzend, heulend, so unglücklich unter dem Kastanienbaum, unter dem die Welpen geschlafen hatten. "Was ist denn los? warum weinst du denn, Michael?" Keine Antwort. "Sags doch, Michael. Bist du traurig, weil wir alle Hunde mitnehmen und dich allein lassen? Sag! Schau, Flora kann ich dir nicht lassen, sie ist schon lange, schon fast drei Jahre, bei uns. Aber vielleicht erlauben Mama und Papa, dass du Pinta bekommst. Ich will sie gleich fragen." Und als Dimitri und seine Eltern, Flora Poncho und Puschka sich verabschiedeten und alle zusammen nach Hause zogen, blieb ein vom Raufen und Weinen sehr schmutziger Michael zurück, der Pinta in den Armen hielt und über sein ganzes verschmiertes Gesicht lachte. "Auf bald, Michael. Ich komme heute abend und erkläre dir genau, wie du Pinta pflegen, erziehen und füttern musst. Und dann gehen wir alle Tage zusammen spazieren: Du, Michael - ich, Dimitri - Flora - Poncho und Pinta. Leider nicht Puschka, die soll nämlich zu Tante Erna, die möchte Puschka gerne haben. Tschüss!" |
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Updated on 3 janv. 07 at 18:38:31
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