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Texte zum Lesen | ||||||||||||||||
| Gisela home > 9 weitere Geschichten > Marion, die mutige Ricke | ||||||||||||||||
Marion, die mutige Ricker(eine Geschichte nach einer Beobachtung des Zoologen Brückner erzählt)Marion war eine Ricke, eine Rehmutter. Natürlich haben Rehe, die frei im Wald leben, keine Namen. Aber wir wollen diese Ricke doch "Marion" und ihren Sohn "Fred" nennen. Marion hatte mit Fred`s Vater gespielt und getollt, und beide hatten sich lieb gehabt, aber als Marion ihr Baby bekommen sollte, hatte Fred`s Papa gesagt: "du, meine liebe Marion, kannst unser Baby viel besser alleine umsorgen und erziehen. So etwas machen Rehmütter immer alleine, ohne die Rehväter." Und das war wahr. Rehböcke, die Väter, kümmern sich nie um ihre Kinder. Die Rehmütter ziehen ihre Kinder, die Kitzen, ganz alleine auf. Marion war noch sehr jung. Es war das erste Mal, dass sie ein Junges bekommen sollte. Aber sie wusste recht gut, was sie tun musste. Zuerst suchte sie einen guten, geschützten Platz, wo sie ein Lager für ihr Kind herrichten konnte. Unter einer grossen Tanne, nicht weit vom Waldrand, machte sie eine kleine Mulde. Sie legte sie mit Moos und weichen Blättern aus. Die untersten Äste der Tanne versteckten dieses Bettchen so gut, dass kein Mensch, der vorbeikam, das Lager sehen konnte. Marion war mit sich zufrieden. Sie ruhte sich unter der grossen Tanne aus, lief gegen Abend auf das nahe Feld und die saftigen Wiesen, um zu äsen, um ihren Hunger zu stillen und freute sich auf ihr Kindlein. Fred kam in einer Nacht zur Welt, in der der Mond hell schien, der Wald ruhig und friedlich lag. Marion war natürlich alleine, aber sie wusste ganz genau, was sie als Rehmama zu tun hatte, wie sie ihren kleinen Fred pflegen sollte, und was der Kleine lernen musste. Zuallererst lernte der Kleine natürlich bei seiner Mutter trinken. Das musste er eigentlich gar nicht lernen, das konnte er ganz einfach. Das konnte er so gut und er trank so viel, dass er jeden Tag grösser und kräftiger wurde. Marion lief jeden Abend zum nahen Feld, zu den fetten Wiesen und frass sich satt. Danach kam sie jedesmal rasch zurück zu Fred und freute sich über ihr Junges, und Fred freute sich über seine liebe, gute Mama. Das ging so friedlich einige wenige Wochen. Meist schien tagsüber die Sonne, die Vögel sangen und jubelten im Wald. Manchmal regnete es auch, es gab Gewitter mit Blitz und Donner. Aber es war doch ein friedliches Leben unter der grossen, schützenden Tanne. Mit der Zeit fand Marion die Blättlein und Gräser auf dem nahen Feld und den saftigen Wiesen doch ein bisschen langweilig. Sie hatte grosse Lust etwas Anderes, etwas Neues für ihr Abendessen zu suchen, weiter zu laufen, Neues zu sehen und zu essen. Fred war schon ein grosses Kitz und sollte doch vernünftig sein. So sagte Marion eines Tages: "Fred, mein kleiner Junge, hör mir gut zu: ich gehe jetzt mein Abendessen suchen. Du bist nun gross genug, zarte, saftige Blättlein zu essen. Ich werde dir die besten Kräutlein, die ich finde, mitbringen. Ich brauche heute Abend ein bisschen mehr Zeit und komme etwas später zurück. Bleib du schön brav und ruhig in unserm Versteck liegen. Rühr dich nicht, sei ganz lieb und brav. Was du auch fühlst und siehst, was du auch hörst, bleibe schön still und ruhig unter unserm grossen Tannenbaum liegen. Hast du mich verstanden, kleiner Fred?" "Ja, Mama, ich habe alles verstanden. Ich bin gross und vernünftig." Marion gab ihrem kleinen Jungen einen liebevollen Stups mit ihrer kalten, feuchten Nase und rannte davon, aus dem Wald, über Felder und Äcker und Wiesen. Endlich hatte sie wieder ihre Freiheit und konnte sich austoben. Fred lag ganz ruhig und still unter den Zweigen der grossen Tanne. Er schlief ein bisschen, er wachte ein bisschen, aber er rührte sich nicht. Er rührte sich so wenig, dass ein grosser, schillernder Käfer gar nicht merkte, dass da ein Rehkitz lag. Der Käfer nahm seinen Weg über Fred`s Nase. Oh, das kitzelte, und Fred wollte gerade herzhaft niesen und den Kopf schütteln. Aber da fielen ihm Marion`s Worte ein: "was du auch fühlst und siehst, was du auch hörst, bleibe ganz still und ruhig unter unserem grossen Tannenbaum liegen." Und daher bewegte sich der kleine Fred nicht, trotzdem der grosse, schillernde Käfer ihn an seiner Nasenspitz kitzelte. Ein wenig später, als Fred aus einem kleinen Schlaf aufwachte und die Augen öffnete, sah er ganz nahe vor sich eine kleine Schnecke mit ihrem gelben Schneckenhäuschen einen Grashalm hinaufkriechen. Die kleine Schnecke gab sich grosse Mühe und kroch recht schnell, immer höher und höher. Aber als sie fast ganz oben am Grashalm angekommen war, bog sich der Halm - schwups! - bis zum Boden. Das Schnecklein war zu schwer für den dünnen Grashalm gewesen. Fred fand das sehr lustig, er wollte nun wissen wo das Schnecklein war? auf dem Boden? noch am gekrümmten Grashalm? Der Rehjunge wollte eben den Kopf heben, um besser sehen zu können, als er sich an Marion`s Worte erinnerte: "Was du auch fühlst und siehst, was du auch hörst, bleibe ganz still und ruhig unter unserem grossen Tannenbaum liegen." Und daher blieb der liebe, folgsame Fred ganz ruhig liegen und wartete, wartete auf seine Mutter. Aber dann hörte Fred ganz deutlich, wie sich jemand seinem Versteck näherte. Marion? Nein, es war nicht Marion, das wusste Fred ganz sicher. Marion roch gut nach Mama und Schutz und Liebe. Aber jetzt stieg ein hässlicher, beängstigender Geruch in Fred`s Nase. Der Kleine zitterte am ganzen Körper, er sah nichts, aber er hatte grosse Angst, und er konnte nicht anders, er musste seinen Kopf heben und da - da sah er in die tückischen, grünen Augen von einem Fuchs, einem grossen, rotbraunen Fuchs. Fred hatte nicht gewusst, dass er eine Stimme hatte, dass er schreien konnte. Marion hatte ihm nie davon gesprochen. Aber nun schrie und schrie und schrie er aus Leibeskräften. Er schrie, dass die Vögel aus den Bäumen hoch in den Himmel flogen, er schrie, dass die Hasen kopflos aus dem Wald flohen. Den Fuchs aber erschreckte das Geschrei überhaupt nicht. Er freute sich auf das zarte Kitzenfleisch, das er bald fressen würde. Er wollte sich den guten Bissen eben holen. Aber.... Marion hatte sich ausgetobt, sattgefressen und war auf dem Weg zu ihrem kleinen Sohn. Sie hatte ihm, wie versprochen, die süssesten, zartesten Blättlein mitgebracht und freute sich auf das Wiedersehen. Da hörte sie die gellenden Hilferufe. Sofort wusste sie, dass Fred in Gefahr, in grosser Gefahr war, und sie rannte, rannte, rannte so schnell sie konnte. Gott dei Dank war sie ganz nahe am Wald gewesen, als Fred nach ihr rief und schrie. Marion stand dem Fuchs gegenüber. Rehe, alle Rehe sind sehr scheu, sehr ängstlich. Aber als unsere Marion ihren kleinen Fred in so grosser Gefahr sah, vergass sie alle Angst: sie spannte ihren Körper, ihre Vorderläufe, Vorderbeine, und plötzlich stürmte sie mit voller Wucht auf ihren Gegner los. Der duckte sich, aber im Nu war sie über ihm, trommelte mit ihren scharfen Läufen auf ihn los, immer stärker, immer stärker. Endlich nahm der Fuchs in wilder Flucht Reissaus. Er wurde ein paar Minuten lang von der wütenden Marion verfolgt. Die tapfere Ricke kehrte zu ihrem Kitz zurück. Sie war ausser Atem und ganz erstaunt über das, was sie getan hatte: sie, ein scheues, ängstliches Reh hatte einen grossen, wilden Fuchs angegriffen und davongejagt. Ja, der Fuchs mit seinen scharfen Zähnen hatte vor ihr angst gehabt! Am liebsten hätte sich Marion jetzt neben Fred gelegt, ausgeruht, verschnauft und alles in Ruhe überdacht. Aber dazu war noch keine Zeit. "Fred, Fred, mein kleines Kitz, folg mir, folg mir so rasch du kannst! Wir suchen uns ein anderes Versteck, das der böse, wilde Fuchs nicht kennt und nie finden soll." Und die tapfere Marion, gefolgt von dem stämmigen Fred lief durch den Wald, lief lange und weit, bis sie im dichten Unterholz ein wunderbares Versteck fand. Dort legten sich Mutter und Sohn eng aneinandergeschmiegt, um auszuschnaufen, um auszuruhen und um Zeit zu finden stolz zu sein: Marion war stolz auf Fred, ihren Sohn, und Fred war stolz auf Marion, seine Mutter. |
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Updated on 3 janv. 07 at 18:24:26
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