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Der rote Engel

Sacha klammerte sich fest an Mamas Hand. Er schluchzte und heulte aus tiefem Herzen. Er war schon sieben Jahre alt und sollte heute das erste Mal zur Schule gehen. Der Mama war es immer wieder gelungen, ihren Sacha von der Schule zu befreien, und diese Kämpfe gegen die Schulbehörden bestätigten Sacha in seiner grenzenlosen Angst vor der Schule. Die Tränen in Mamas Augen trugen auch nicht dazu bei, Sacha zu beruhigen. Immer langsamer und langsamer gingen Mama und Sacha, aber sie näherten sich doch unaufhaltsam dem Schulhof. Man hörte Kinder vergnügt lachen und rufen, man hörte sie rennen und jagen, und dann hörte man ein Glockenspiel eine kleine Melodie singen. Das Lachen und Rufen wurde leiser, und als Mama und ihr kleiner Sohn auf dem Schulhof standen, sahen sie wie die Kinder sich durch die offene Schulhaustür drängten. Noch vier - fünf Kinder waren im Hof, die dann aber auch im Schulgebäude verschwanden.
Langsam zog die Mama den schluchzenden Sacha mit seinen rotverquollenen Augen hinter sich her und ging, noch langsamer, durch die Schulhaustüre. In der Schule war es nun ganz still. Nach dem Lärm im Schulhof hörte man fast gar nichts mehr. An einem langen Gang waren rechts und links geschlossene Türen. Zögernd las die Mama die Schildchen, die neben jeder Türe angebracht waren:
     6. Klasse   Herr Heine
     4. Klasse   Frau Schmid
     3. Klasse   Herr Weinroth
und dann: 2. Klasse   Frau Wieler. Hier war das so sehr befürchtete Ziel: 2. Klasse, Frau Wieler.
"Sei ein grosser, mutiger Junge, Sachalein!" Die Mutter kniete sich nieder, putzte ihrem Liebling die Nase, wischte ihm über die Augen. Dann stand sie entschlossen - fast entschlossen - auf und klopfte an die Tür.
"Herein!"
Nun war alle Hoffnung auf Rettung verloren. Sacha wurde in ein Klassenzimmer gezogen. Gut zwanzig Kinderaugenpaare guckten ihn an und schätzten ihn ab:
"Ein Neuer, eher klein, heulend, nicht sehr interessant!"
Frau Wieler wechselte ein paar Worte mit der Mama, beugte sich dann zu Sacha:
"Grüss Gott, Sacha. Komm, ich zeig dir deinen Platz, hier, neben Mona. Wir freuen uns, dass du nun bei uns bist. Du kannst ja schon gut lesen und schreiben und rechnen. Es wird dir sicher bei uns gefallen."
Die Mama wischte sich mit einem hübschen Taschentuch die Augen und rief ihrem Son zu:
"Auf Wiedersehen, Sachalein!" Und dann war sie verschwunden.
Sacha konnte nicht anders, er musste wieder aus Herzensgrund schluchzen. Er fühlte sich verlassen, totunglücklich. Seine kleine Nebensitzerin, Mona, flüsterte ihm ins Ohr:
"Heule-Sachalein, Heule-Sachalein!" und kicherte dazu.
Wie diese erste schreckliche Schulstunde verging, konnte Sacha nachher nicht sagen. Plötzlich läutete die Glockenmelodie, die Kinder stürzten von ihren Plätzen, und im Nu war das Klassenzzimmer leer.
"Mona", rief Frau Wieler "nimm bitte Sacha mit und zeig ihm unseren Schulhof!"
Mona zog Sacha an der Hand mit sich, und als sie im Gang waren, und Frau Wieler nichts mehr hören konnte, rief sie:
"Heule-Sachalein, komm, komm, Heulesachalein!"
Im Schulhof stellte sie ihn in einer Ecke ab, und niemand kümmerte sich mehr um den Jungen.
Aber alles hat ein Ende, auch das schlimmste Erlebnis, und so war es endlich zölf Uhr geworden, die Mama war wieder da, nahm ihr Söhnchen in die Arme, zog es zum Auto und fuhr nach Hause, in die Sicherheit, in die Geborgenheit.
Am Abend erkundigte sich der Papa nach dem Verlauf dieses ersten Schultags. Oh, schrecklich daran erinnert zu werden! Sacha schluchzte von neuem.
"Du hättest den Jungen wirklich schom letztes Jahr mit sechs Jahren in die Schule schicken sollen, Helene. Jetzt haben wir die Beschehrung. Sacha muss sich in eine schon festgefügte Klasse einpassen." Und zu Sacha gewandt:
"Sei jetzt still mit deinem Schluchzen, bitte! Ich mag keine heulenden Kinder!"
Sacha lag an diesem Abend in seinem Bett und hörte die schnippische Stimme von Mona: "Heule-Sachalein, Heule-Sachalein!"

Vier, fünf, sechs Schultage waren vergangen, nichts war besser geworden. Sacha lebte erst wieder auf, wenn er Mamas Auto vor dem Schulhaus sah und wusste, er komme wieder in die Geborgenheit zurück.
Aber nach ein paar Tagen sprach der Papa ein Machtwort:
"Helene, die Schule liegt so nah bei unserem Haus. Ich bin sicher, dass fast alle Kinder alleine und zu Fuss nach Hause gehen. Hole Sacha bitte morgen nicht von der Schule ab. Ich möchte aus ihm einen selbstständigen Jungen machen. Ich sage ja immer: Heuleliesen mag ich nicht, aus denen wird auch nichts."
"Heule-Liese, Heule-Sachalein", Vater war nicht besser als die böse Mona.
Sacha konnte vor Angst vor dem morgigen Heimweg nach der Schule nicht einschlafen. Würde er den Weg finden? Würde er die Strasse alleine überqueren können? Und vorallem: würde ihn Mona wieder mit ihrem "Heule-Sachalein" quälen?

Die Stunden in der Schule waren noch schlimmer, als an anderen Tagen, denn die Furcht vor dem Heimweg kam dazu.
Nach dem Unterricht sah Frau Wieler Sacha besorgt an:
"Fehlt dir etwas? Du siehst so blass aus, Sacha." Sie strich dem Jungen übers Haar, worauf der, bei der liebevollen Berührung, in Tränen ausbrach. Unter Schluchzen erzählte er seinen Kummer: er sollte ganz alleine nach Hause gehen. Frau Wieler wusste sofort Rat:
"Mona," winkte sie dem Mädchen, "du wohnst doch in der Hauptstrasse, ganz nahe beim Eugensplatz? Ja? Dort wohnt Sacha, nimm ihn mit, er möchte gern mit dir den Heimweg machen!"
"Oh Gott," dachte Sacha,"die schnippische Mona soll ich nicht nur während den Schulstunden, sondern auch noch nach der Schule ertragen?" Aber unselbstständig wie er war, trottete er brav an Monas Seite die Strasse zum Eugensplatz hinauf.
"Was machst du heute nachmittag,Sacha? Ich geh ins Freibad schwimmen, kommst du mit?"
Sacha wusste überhaupt nicht, was er auf solch eine Einladung antworten sollte.
"Ich frag Mama."
"Ach Quatsch! Deine Mama wollen wir dort nicht haben! Wir sind eine ganze Bande, Mädels und Jungen, wir treffen uns im Freibad, ohne Mamas oder Omas oder so! Tschüss, da ist ja dein Haus."
Sacha fühlte sehr wohl, dass er etwas Dummes gesagt oder getan hatte. Aber was? Das "ach Quatsch!" von Mona war sehr deutlich gewesen.
Die Mama, die schon seit zehn Minuten Ausschau nach ihrem Liebling gehalten hatte, eilte ihm entgegen.
"Grüss dich, mein Kleiner. Du hast den Weg wirklich ganz alleine gefunden? Bravo!"
"Nein, nicht alleine. Mona und ich gingen zusammen. Sag, Mama, darf ich heute nachmittag ins Freibad?"
"Schwimmen möchtest du, mein Kleiner? Aber natürlich. Wir rufen Tante Ursula an, die hat doch ein herrliches Schwimmbad im Garten. Dort sind wir dann ganz unter uns. Freust du dich aufs Wasser?"
Nein, das Freibad war wohl nicht das Richtige für Sacha. Warum wohl nicht? Die anderen Kinder waren dort, warum nicht auch er? Sacha wusste, dass er diese Frage Mama nicht stellen konnte.

Mona und Sacha gingen jetzt schon viele Tage, viele Wochen zusammen nach der Schule nach Hause. Sie gewöhnten sich an einander, begannen sich sogar recht gern zu haben. Sicher, Mona war immer noch spöttisch und Sacha gegenüben kritisch:
"Warum trägst du bei der Hitze einen Pullover? Warum isst du dein Vesperbrot nicht auf? Zeig mal, einen Schokoladewecken hast du? Magst du den nicht? Gib ihn mir, ich ess so was für mein Leben gern! Und du willst wirklich nie zu uns ins Freibad kommen? Warum nicht? Kannst du nicht schwimmen?"
"Doch, schwimmen kann ich schon, aber Mama will nicht, dass ich alleine ins Freibad gehe."
"Alleine! wir sind 'ne ganze Bande! Darfst du nie etwas alleine, ohne deine Mama machen? Sag!"
Sacha wusste keine Antwort. Natürlich durfte er alleine im Garten spielen, alleine in seinem Zimmer Kassetten und C.D.s hören. Aber ob Mona das hören wollte?
"Sag, Sacha, willst du nicht einmal einen Ausflug mit mir machen, so nach der Schule, nur du und ich?  Das wäre doch toll! Frag nur nicht deine Mutter, die sagt gleich 'nein', oder fährt uns beide mit dem Auto irgendwo spaziern. Aber wir sollten ganz alleine etwas unternehmen!"
"Aber was denn und wie?" fragte Sacha, "nach der Schule muss ich doch immer gleich nach Hause."
"Wir könnten das so machen: einmal gehen wir nicht sofort nach Hause, sondern nehmen die Strassenbahn, fahren zum Wald, picknicken dort und kommen erst am Abend wieder zurück. Du hast immer so viel Vesperbrot, das sparen wir einfach ein paar Tage auf für unser Picknick, und ich hab genug Geld, um die Strassenbahn zu bezahlen."
Alleine mit Mona zusammen einen Ausflug machen, das wäre toll! Und Papa könnte dann stolz auf seinen selbstständigen Sohn sein. Sacha war ganz aufgeregt.
Am nächsten Tag stopfte Mona Sachas Vesperbrot in ihre Schultasche.
"Für unser Picknick", sagte sie. "Und ich weiss auch, welche Strassenbahn wir nehmen müssen: die Sieben, die fährt zum Waldfriedhaof. Das steht an der Strassenbahnhaltestelle. Beim Waldfriedhof gibt's sicher einen Wald,er heisst doch 'Waldfriedhof' oder?"
Sacha stimmte bei, "sicher gibt's einen schönen Wald beim Waldfriedhof."

Mona hatte schon drei grosse Vesperbrotpakete von Sacha in ihrer Schultasche. Es war Freitag, die Sonne schien. Mona hatte über zehn Mark in ihrem roten Geldbeutel. Sie wollte heute den grossen Ausflug wagen, heute oder nie!
Als die Ausführung des Plans so nahe gerückt war, als alle Pläne nun Wirklichkeit werden sollten, hatte Sacha natürlich wieder grosse Angst vor dem Unbekannten. Aber er hatte in den letzten Wochen bei Mona viel gelernt, unter anderem auch, seine Angst nicht zu zeigen, kein Heule-Sachalein, keine Heule-Liese zu sein. Und auf Mona war immer Verlass, sie wusste alles, fand immer eine gute Lösung für jedes Problem, hatte auf alles eine Antwort. Fast wie Mama. Sacha konnte zwar besser rechnen und lesen als Mona, er hatte Klavierunterricht und spielte schon recht gut. Aber ohne Mona hätte er nie eine Strassenbahn benutzen können. Für die war das eine Kleinigkeit. Sie bediente den Fahrscheinautomaten mit Leichtigkeit, drückte auf Knöpfe, warf Geld ein und zog den ersten, dann den zweiten Fahrschein.
"So, Sacha, die Fahrscheine haben wir. Jetzt müssen wir die Strassenbahn mit dem Schild 'Waldfriedhof' finden. Kannst du so schnell lesen, dass wir die nicht verpassen?"
"Waldfriedhof sagtest du doch, die Sieben, da staht sie doch, hast du nicht gesehen?"
Die Kinder stiegen ein. Mona sah Sacha bewundernd an:
"Dass du so schnell lesen kannst, toll ist das. Ich hätte die richtige Bahn nie gefunden, so rasch!"
Sacha glühte vor Stolz, er sah sich beinahe schon als Monas Beschützer.
Die Bahn war fast leer, die Kinder setzten sich, sahen durchs Fenster: Kaufhäuser glitten vorüber, auf den Trottoirs eilten Frauen mit Einkaufstaschen, Kinderwagen oder nur mit kleinen Handtaschen. Männer liefen alleine, zu zweit, zu dritt. Sie sahen Autos die Bahn überholen. An Haltestellen stiegen Menschen ein, andere aus.
Die Strassenbahn schien nun die Stadt zu verlassen, es gab keine Kaufhäuser mehr, wenig Fussgänger. Autos, ja! die fuhren noch lustig in alle Richtungen. Es gab nun hübsche kleine Häuser, grosse Gärten. Immer mehr Fahrgäste stiegen aus, immer weniger stiegen ein. Die Kinder waren schliesslich ganz alleine in der Bahn, und als diese stehen blieb, der Schaffner "Endstation" rief, wussten die Zwei nicht so recht was tun.
"Na, ihr da, wo wollt ihr denn hin?" fragte derSchaffner. Mona uns Sacha fühlten sich ertappt, aber Mona wusste doch fast sofort eine Antwort:
"Wir gehen zu unserer Oma. Auf Wiedersehen und dankeschön!"
"Tschüss!" rief der Schaffner den Kindern nach und fuhr die Strecke in die Stadt zurück in seiner leeren Strassenbahn.
"Komm," sagte Mona und zog Sacha mit sich fort.
"Ich sehe keinen Wald, Mona. Sind wir hier wirklich richtig?"
"Was steht denn dort geschrieben, Sacha, dort auf dem Schild?"
"Waldfriedhof."
"Gut, da sind wir schon richtig. Nein, Wald gibt's hier keinen, aber schau: der Friedhof ist so gross und schön. Ich war noch nie auf einem Friedhof, und du? Und überhaupt: ich hab einen Riesenhunger. Hier können wir auch picknicken. Wir suchen uns einen schönen Platz, gut versteckt, damit uns niemand findet."
Mutig schritten Mona und Sacha durch das Friedhofstor. Schön war es hier. Grosse Bäume standen in Reih und Glied, eine Allee. Und rechts und links sah man Reihen von kleinen Beeten, farbenfrohen Beeten, auf denen fast immer ein Stein lag oder stand.
"Josef und Anne Hildebrand", las Sacha.
"Matthias und Lore Plotz",
"Paul und..."
"Hör auf mit Lesen, lass und zuerst essen!" rief Mona.
Sacha war gewohnt zu gehorchen. Er suchte zusammen mit Mona einen geeigneten Picknickplatz. Davon gab es eine grosse Menge: auf Bänken unter Trauerweiden, auf hübschen Grabsteinen, auf kleinen Hügeln unter Hängebirken, auf Treppen, die zu einem Pavillon führten. Aber da gab es Leute, die aus- und eingingen. Nein, lieber noch ein Stück weiterlaufen.
Mona fing an zu quengeln:
"Ich habe Hunger, ich will jetzt essen. Hier ist doch ein schöner Platz, setz dich, Sacha!"
So sehr schön war der Platz nicht. Er lag zwischen einem grossen Abfallkorb aus Drahtgitter, in dem verwelkte Blumen, Plastiktüten, Papier lagen und einem Brunnen aus Beton. Aber warum nicht hier essen? Sacha zog seinen Pullover aus, breitete ihn auf dem Boden vor dem Brunnen aus. Mona setzte sich mitten auf den Pulli, für Sacha blieb nur noch ein Ärmel übrig. Aber nun packte Mona aus: Vier Vesperbrote mit Schokolade von Sacha, eine Mettwurst und ein grosses Stück Käse aus dem Eisschrank von Mona's Mama. Eine Tüte Chips und eine Packung Keks. Und:
"schau,Sacha, einen Becher hab ich auch eingepackt, denn im Wald gibts immer Quellen, und auf dem Friedhof gibts sogar einen Brunnen. Du wirst sehen, nach dem guten Essen werden wir sicher Durst haben."
Die Kinder assen alles durcheinander: Schokolade, Wurst, Keks, Chips, Käse.
Sacha fühlte sich plötzlich so wohl. Er fing an übermütig zu lachen. Mona fand das Abenteuer fabelhaft und die Zwei stopften sich all ihre Schätze in den Mund, kicherten, alberten und waren glücklich.
Dann stand Sacha auf, Mona warf den Picknick-Abfall in den Drahtkorb, wusch den Becher aus, packte ihn in ihre Schultasche und lief zu Sacha, der schon wieder Grabinschriften entzifferte:
"hier ruht unser lieber Vater Emil Pfeiffer", las er.
"Schau, so ein schöner Stein, eine Sonne oder so etwas ist darauf gemalt. Nein, nicht gemalt, gemeisselt."
"Was ist das, gemeisselt?" fragte Mona.
"Das ist so wie gebohrt. Siehst du, man kann's nicht abwaschen, das Bild ist im Stein."
Die Kinder schritten ernsthaft von Grab zu Grab, gaben ihr Urteil über die Inschriften und die Dekorationen der Steine ab. Sonnen, sogar vergoldete Sonnen, gab es viele, Blumen, Zweige, aneinandergelegte Hände, nur Hände, ohne Arme. Es gab viele Engel, manchmal Fotographien. Die Kinder gaben den Grabsteinen Zensuren, eins für sehr, sehr schön, zwei für sehr schön usw. Nur sehr wenige bekamen eine Fünf oder gar eine Sechs. Da stand ein unbehauener Stein, der verdiente eine Sechs, und Hans-Joachim, der darunter lag, verdiente Mitleid wegen seines so rohen Steins. Mona hatte eine gute Idee:
"Wir bauen ihm ein hübsches Zwergenhäuschen als Dekoration, komm, Sacha!"
Aus Tannenzapfen, Moos, Zweiglein bauten die Kinder ein wunderschönes Zwergenhäuschen, und da sie einmal mitten in diesem Spiel waren, suchten sie Eicheln, Steinchen und Blumen und legten einen hübschen Garten um das Häuschen an.
Inzwischen war es schon spät geworden. Hans-Joachims Grab sah aber prachtvoll aus.
"Schön ist es geworden, komm, lass uns andere Gräber schmücken."
So viel Energie, um ein zweites, hübsches Zwergenhäuschen zu bauen, hatten die Kinder nicht mehr. Aber sie fanden es doch ungerecht, wie die Blumen verteilt waren: da gab es fast überladene Gräber, andere, die ohne jeden Schmuck dalagen.
Es war eine grosse Arbeit, den Blumenschmuck gerecht zu verteilen. Die Kinder gaben sich grosse Mühe, es so gut wie möglich zu tun. Sie waren so eifrig beschäftigt, dass sie aufschraken, als sie eine zornige Stimme hörten:
"Was macht ihr denn da? Ein Friedhof ist kein Spielplatz. Hust! geht nach Hause, hier habt ihr nichts verloren!"
Eine alte Frau stand über ihnen und sah sie böse an.
"Hust! nehmt eure Klamotten und verschwindet!"
Eingeschüchtert, obwohl sie sich keiner Schuld bewusst waren, suchten Sacha und Mona ihre Schultaschen, Pullover zusammen und rannten vor der zornigen Alten davon. Sie liefen in irgendeine Richtung, waren verstört und nicht mehr so glücklich wie eben.
"Sollen wir nach Hause fahren?"
"Ja, das ist das Beste. Fahren wir nach Hause."
Die Zwei suchten das Friedhofstor, aber obwohl sie schliesslich die Friedhofseinzäunung gefunden hatten, war nirgens ein Tor zu sehen. Sie suchten, suchten und waren plötzlich sehr müde.
"Sacha, gib deinen Pullober. Wir könnten uns ein paar Minuten ausruhen, komm!"
Sie fanden eine schöne, rote Steinplatte, die unter einem roten Steinengel lag, der segnend die Hand hob. Und unter diese schützenden Hand legten sich Mona und Sacha, eng umschlungen. Es war nicht kalt, die Köpfe lagen bequem auf Sachas Pullover, aber ein klein bisschen unheimlich war es doch, vorallem, seit sie der bösen Frau begegnet waren, die sie so beschimpft hatte. Daher hielten sie sich so eng aneinander fest.

Sachas Mutter hatte, wie an jedem Schultag, auf ihren kleinen Sohn gewartet, zehn Minuten, zwanzig Minuten. Als er aber nach einer halben Stunde immer noch nicht kam, rief sie ihren Mann im Büro an.
"Ich mache mir Sorgen, es ist schon fast ein Uhr und Sacha ist immer noch nicht nach Hause gekommen."
"Der Junge wird sich mit Freunden amüsieren. Sei nicht unruhig, Helene. Du wirst sehen, er steht bald vor der Tür."
Der Vater versuchte seine Frau zu beruhigen, war aber selbst nicht so ganz von der Richtigkeit seiner Worte überzeugt. Und Sachas Mutter glaubte den beruhigenden Worten ihres Mannes überhaupt nicht. Sie rief Tante Ursula an, die sich, als gute Freundin, sofort in ihr Auto setzte, um nach zehn Minuten bei der verzweifelten Helene anzukommen und diese zu trösten versuchte.
"Rufen wir bei der Polizei an!"
Der diensthabende Polizist war höflich und freundlich. Es war nicht das erste Mal, dass eine verstörte Mutter ihr Kind suchte.
"Wie alt ist das Kind? sieben Jahre? Ihr Sohn ist sicher im Freibad. Dort ist immer eine ganze Bande von Kindern dieses Alters und etwas älter. Was sagen Sie? Der Junge habe keine Badehose bei sich? Das ist doch kein Hinderungsgrund ins Freibad zu gehen. Wenn die Kinder nicht in einer Stunde zurückgekommen sind, rufen Sie nochmal an. Nur keine Panik, liebe Frau!"
"Liebe Frau!" so etwas mochte Helene schon gar nicht hören.
Gott sei Dank kam Sacha's Vater. Er wollte es zwar nicht wahr haben,aber er war auch in Sorge um sein Kind. Helene war glücklich, nicht mehr alleine planen und handeln zu müssen.
Der Vater rief als erstes Frau Wieler, die Lehrerin, an.
"Sacha ist nicht nach Hause gekommen? Er macht den Heimweg immer mit Mona. Die ist ein sehr selbstbewusstes, unternehmungslustiges kleines Ding. Rufen Sie einmal ihre Eltern an. Und bitte: halten Sie mich auf dem Laufenden!"
Bei Monas Eltern meldete sich niemand! Was für eine Familie, keiner war zu Hause, um das Kind nach der Schule zu erwarten. Oder waren die Eltern auf der Suche nach Mona? Nein, sicher waren es schlechte Eltern, und mit deren Kind war der liebe Sacha befreundet! Das Mädchen hatte den armen Jungen verführt, sicher! Oh Gott! Aber zu was verführt?"
Es tat gut über andere Leute etwas Schlechtes zu sagen, das liess die eigene Angst für ein paar Minuten vergessen.
Die Hausglocke klingelte. Sacha! Nein, ein bärtiger, unbekannter Herr stellte sich vor:
"Ich bin Mona's Vater, Frau Wieler gab mir Ihre Adresse. Es ist schon fast sechs Uhr, wir sollten uns an die Polizei wenden."
Helene erzählte von ihrem Anruf bei dem freundlichen Polizeibeamten. Sie blieb mit Tante Ursula im Haus, um weiter auf ihren kleinen Sacha zu warten. Die beiden Männer fuhren zum Polizeibüro.
Sacha's Vater war ein recht autoritärer Herr. Er schlug vor, die Kinder über Funk suchen zu lassen. Eigentlich war es ja zu früh, nach fünf Stunden Abwesenheit, schon zu so grossen Mitteln zu greifen, aber die beiden Väter überzeugten die Beamten der Polizeiwache. Die Fahndung wurde so rasch wie möglich durchgegeben, und wirklich kam fast sofort der Anruf des Strassenbahnführers der Linie sieben.
Ja, zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, waren kurz nach dreizehn Uhr in seiner Strassenbahn gewesen. Sie waren an der Endstation "Waldfriedhof" ausgestiegen. Zwei liebenswürdige, höfliche Kinder, die ihre Oma besuchen wollten.
"Waldfriedhof? Was machen unsere Kinder denn dort?"
"Schauen wir einmal nach!" sagte der Polizist, und die drei Männer fuhren mit einem Polizzeiwagen hinaus, zum Waldfriedhof. Dort waren nach Feierabend mehrere Besucher.
"Zwei Kinder? Nein, die haben wir nicht gesehen. Aber schauen Sie einmal: alle Gräber sind hier umgeräumt worden, Blumen, Pflanzen sind anders verteilt worden. Wandalen waren am Werk! Ich wollte eben bei der Polizei anrufen und Anzeige erstatten!"
"Sehen Sie hier: ein Zwergenhäuschen auf einem Grab, Grabschänderei ist das!"
Die drei Männer hörten nicht weiter zu, sie wussten, dass sie bald am Ziel waren. Sie trennten sich, und jeder suchte in einer anderen Richtung. Der Polizist fand zwei friedlich schlafende, engumschlungene Kinder unter einem roten Engel, der schützend seine Hand über sie hielt. Und weil der Beamte selbst zwei Kinder hatte und die Väter und vorallem die Kinder verstand, wollte er diese nicht mit seiner strengen Uniform erschrecken. Er weckte sie daher nicht auf, sondern rief die beiden Väter. Die beugten sich, sichtlich erleichtert, jeder über sein Kind, nahm es sanft hoch und gab ihm einen herzhaften Kuss. Mona und Sacha waren gar nicht so sehr erstaunt in den Armen ihrer Papas aufzuwachen.
Erstaunt und hochbeglückt waren sie dagegen darüber, in einem richtigen Polizeiauto nach Hause gefahren zu werden. Ein toller Abschluss dieses Abenteuers!
Das Polizeiauto setzte zuerst Sacha uns seinen Papa bei dessen Auto vor der Polizeiwache ab. Der Vater bedankte sich herzlich bei dem Polizeibeamten, fragte, ob es noch Formalitäten zu erledigen gäbe, ob Kosten zu regeln seien, ob er dem Beamten ein paar Flaschen Wein schicken dürfe. Als all diese Fragen mit einem freundlichen "Nein" beantwortet waren, beugte er sich zu Mona's Vater in den Wagen:
"Es würde uns sehr freuen, wenn Sie mit Ihrer Frau und Mona morgen abend zu uns zum Essen kämen. Wir würden Sie sehr gerne näher kennen lernen. Meine Frau ist ganz sicher meiner Meinung. Unsere Kinder sind Freunde, warum sollten es die Eltern nicht auch werden? Also: auf morgen abend, und einen herzlichen Gruss unbekannter Weise an Ihre Frau!"

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